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Marktgemeinde Altdorf

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Wettstreit der Ideologien vor 5000 Jahren?
Dr. Bernd Engelhardt referierte über "Bayern im 3. vorchristlichen Jahrtausend"

vor 5000 Jahren
Der Archäologe Dr. Bernd Engelhardt referierte im Bürgersaal in Altdorf über Bayern im 3. Jahrtausend vor Christus; links Monika Weigl, die Organisatorin des Historischen "Forums Altdorf, rechts Werner Hübner, Entdecker zahlreicher FundsteIlen unter anderem aus dem 3. vorchristlichen Jahrtausend und Grandseigneur der Gesellschaft für Archäologie in Bayern


Was bedeutet es, wenn Menschen einzeln bestattet werden, nach einem festen Ritus, die Frauen stets mit dem Kopf nach Osten, die Männer stets nach Westen - aber erkennbar gleichberechtigt, ohne Unterschied bei Sorgfalt und Umfang der Grabausstattung? Archäologen, so Dr. Bernd Engelhardt, dürften nicht bei den einzelnen Funden stehenbleiben, sondern müssten versuchen, aufgrund einer Zusammenschau Geschichte zu schreiben. Wer dies auf Grundlage von Funden macht für das 3. vorchristliche Jahrtausende, der kommt nach seinen Worten zu dem Ergebnis, dass sich damals jene Geisteshaltung herausgebildet hat, die charakteristisch ist für Europa: die Ausrichtung auf den einzelnen Menschen.

Es war eine bewegte Zeit in Europa - zeitgleich mit jener Epoche, in der in Ägypten die Pharaonen Cheops und Chephren die Pyramiden errichten ließen, schilderte Dr. Engelhardt vor vielen Zuhörern bei seinem Vortrag beim Historischen Forum Altdorf im Bürgersaal der Marktgemeinde. Aber was sich seinerzeit abspielte an Isar, Donau und Rhein, an Themse, Seine und Loire, Tiber, Po, Ebro und Tejo, das hat wahrscheinlich viel mehr Auswirkungen auf die Welt von heute als alle Ereignisse an Nil, Euphrat und Tigris.

Zwei Kultur-Strömungen

Im Laufe des 3. Jahrtausends vor Christus überrollten zwei politischkulturell-religiöse Wellen Europa:
Von Osten her erfasste die Kultur der Schnurkeramik (etwa 2800 bis 2100 vor Christus), benannt nach der Schnurverzierung ihrer Gefäße, halb Europa von der W olga bis zum Rhein. Von Westen her, wohl von Spanien ausgehend, breitete· sich die "Glockenbecher-Kultur" (etwa 2500 bis 2100 vor Christus) aus, benannt nach der Form ihrer charakteristischen Trinkgefäße. Diese Kultur hatte auf dem Höhepunkt ihrer Macht Anhänger von Marokko bis Dänemark, Polen und Ungarn und von Sizilien bis in den Norden Schottlands. Deutschland und Bayern waren Kontaktzonen, in denen sich die eine oder andere Kultur behauptete, sich aber andererseits auch Mischformen herausbildeten. Irgendwie kommt einem so etwas nicht ganz unbekannt vor, wenn man, grob gerechnet, nach 1945 geboren und in einem spürbaren Abstand vor 1989 mündig geworden ist:
In Europa hat es stets West und Ost gegeben sowie ein Land in der Mitte, das eine Drehscheibe war von Ideen und Menschen, aber immer wieder auch Schlachtfeld für große Kriege, im besten Fall zentraler Austragungsort geistig-politischer Konflikte, die ihren religiös-ideologischen Charakter nicht leugnen können.

Für das 3. Jahrtausend vor Christus nehmen die meisten Wissenschaftler mittlerweile für Deutschland und Europa den günstigeren Fall an, wie Engelliardt darlegte:
Ergingen sich Archäologen noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter dem Eindruck des Imperialismus und seiner riesigen Kolonial":Reiche in Eroberungs-Szenarien, so zeichnet die Wissenschaft heute ein ebenso moderateres wie moderneres Bild.

Erkenntnisse aus Gräbern
Beide Groß kulturen zeichnen sich aus durch ein festes Repertoire ·von Grabbeigaben und durch eine einheitliche Ausrichtung der Toten:
Ost-West-Ausrichtung bei den Schnurkeramik ern (mit Blick nach Süden), Nord-Süd-Ausrichtung bei den Glockenbecher-Leuten, wobei der Kopf der Männer im Norden liegt, der der Frauen im Süden, alle mit Blickrichtung zur aufgehenden Sonne. Beide gaben Becher mit in die Gräber. In den Männergräbern der Schnurkeramiker finden sich die charakteristischen steinernen Streitäxte sowie Feuerstein-Dolche, die auch Frauen mitgegeben werden.

Typisch für die GlockenbecherLeute sind Arrnschutzplatten am linken Unterarm, die zurückschnellende Bogen- Sehnen abfingen und sie als Bogenschützen auswiesen, sowie Dolche aus Kupfer. Beide, Schnurkeramiker wie Glockenbecher-Leute, profitierten von einem der größten Fortschritte des Menschen im Ringen um die Herrschaft über den Planeten: Das Pferd war gezähmt und wurde nun voll genutzt als Zug- und Reittier - das Tempo und die Möglichkeiten, die sich dadurch eröffneten, erlaubten es fortan, die Welt zu erobern.

Oder als Händler, Missionar oder Funktionär weit herumzukommen:
In diese Richtung denkt die moderne Forschung - an die Ausbreitung neuer Religionen und Ideologien, vorangetrieben durch Sendboten und Propagandisten zu Pferde, und an ihre Übernahme zunächst durch di Führun sschicht und dann durch die breite Masse des Volkes. Wie dem auch sei: Auch ein weiteres, immer wieder, bei Kelten, Germanen und Slawen wie in der Moderne auftauchendes Charakteristikum Europas spiegelt sich wider in der Hinterlassenschaft aus dem 3. vorchristlichen Jahrtausend - die starke Stellung der Frauen. Ihre Gräber sind teils anders, aber genauso reich ausgestattet wie die der Männer, was den Archäologen, .in Landau, 4500 Jahre später einen einzigartigen Fund bescherte: den ältesten Goldschmuck Bayerns, ein goldenes Stirnband.
LZB v. 03.03.2010